ERNST E. HIRSCHAls Rechtsgelehrter im Lande Atatürks
Kaum bekannt ist es in Deutschland, dass die Türkei 1933 deutschen Spitzenwissenschaftlern, Politikern und Künstlern, die vom NS-Regime verfolgt wurden, nicht nur Zuflucht, sondern auch eine glänzende neue Wirkungsstätte bot. Kemal Atatürk, der Präsident der 1923 von ihm ausgerufenen türkischen Republik, der die Europäisierung seines Landes forcierte, nutzte das Schicksal dieser meist jüdischen Elite, die türkische Gesellschaft auf die Höhe der zeitgenössischen Zivilisation zu heben: im Rechtswesen, in der Medizin, in der Kunst und Architektur, in den Natur- und Gesellschaftswissenschaften, der Verwaltung und Politik. Ein Plan, der aufging. Diese Exilwissenschaftler sind mit ein Grund, dass die Türkei heute EU-reif ist. Einer dieser Hochbegabten war der junge Rechtswissenschaftler und Privatdozent Ernst E. Hirsch, der im Sommer 1933 von der in Zürich gegründeten „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“ nach Istanbul vermittelt wurde.
Zwanzig Jahre blieb Hirsch in der Türkei. Länger als die meisten anderen. Erst half er, in Istanbul die neue Universität aus der Taufe zu heben. Zehn Jahre später tat er das auch in Ankara, bis ihn 1952 Berlins Regierender Bügermeister Ernst Reuter, der mit ihm im Exil am Bosporus gewesen war, zurückrief. Jetzt sollte er beim Aufbau der Freien Universität mittun. Von 1953 bis 1955 war er ihr Rektor. Im Alter schrieb Hirsch die jetzt wieder aufgelegte Autobiographie seiner Jahre in der Türkei. Ein Buch, das in Deutschland keine Leser fand. In der Türkei dagegen erlebte es 2007 die zehnte Auflage. Lebendig scheint dort die Erinnerung an die wunderbaren deutschen Professoren der dreißiger Jahre zu sein, Nachfolger der deutschen Spezialisten, die bereits im Osmanischen Reich Brücken, Eisenbahnen, Prachtstraßen und Paläste bauten und das „Militärbildungswesen“ modernisierten, Grundlage denn auch der deutsch-türkischen „Waffenbrüderschaft“ im Ersten Weltkrieg. Vielleicht war Hirschs Buch auch ein Opfer des neuen durch die Präsenz der türkischen Gastarbeiter verzerrten Bildes der Türkei in der Bundesrepublik.
Quelle: Arte.tv
Enver Hirsch wurde 1945 in Istanbul geboren, lernte bis zur Übersiedlung nach Berlin „Straßentürkisch“, absolvierte in Berlin sein Abitur an einem humanistischen Gymnasium, lernte dann Hotelkaufmann, studierte in München Betriebswirtschaft und war in verschiedenen Funktionen in der Gastronomie, zuletzt als Controller bei der Mitropa, tätig. Seit 2005 im Ruhestand, befasst er sich nun intensiv mit seinen „türkischen Wurzeln“ sowie mit Leben und Wirken seines Vaters, dessen Autobiographie er am 28. April 2009 bei der Deutsch-Türkischen Gesellschaft in Bonn inhaltlich vorstellte und mit ausgewählten Passagen ergänzte.