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Dogan Akhanli und Günter Wallraff

„Ich lasse mich nicht ins Exil schicken“

Erstellt 26.12.10, 22:02h

Nach einer Kampagne von Günter Wallraff ist der Schriftsteller Dogan Akhanli vorerst auf freien Fuß gesetzt worden. Im März 2011 wird der Prozess um ihn fortgesetzt. Zusammen mit seinem Freund Wallraff nimmt er Stellung zur Situation in der Türkei und erzählt von seinem neuen Buch.

Wallraff Akhanli

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Ende des Vergessens? Wallraff (l.) und Akhanli im Gespräch über die Situation in der Türkei. (Bild: Kaya)

Wallraff Akhanli

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Ende des Vergessens? Wallraff (l.) und Akhanli im Gespräch über die Situation in der Türkei. (Bild: Kaya)

Herr Akhanli, wie geht es Ihnen jetzt nach der Haftentlassung und dem Besuch in ihrem Geburtsort?

Dogan Akhanli: Nach meiner Reise ins Dorf geht es mir jetzt besser als zum Zeitpunkt der Haftentlassung. Ich konnte die Freilassung nicht genießen. Sie bedeutete für mich nur ein weiteres Exil. Durch die Folter von früher hatte ich eh das Problem, seelisch in der Fremde zu sein. Und der Tod meines Vaters kurz vor der Entlassung hat mich so tief verletzt, dass ich mich durch die Türkei erneut ins Exil geschickt fühlte.

Sie wollten sich nach 19 Jahren über Ihren Vater der Türkei wieder annähern. Ist das gelungen?

Akhanli: Ich wünschte mir, kein Türkisch mehr zu können, und wollte auch nichts mehr mit diesem Land zu tun haben. Ich war so wütend. Dann wurde mir bewusst: Es war der Versuch, mich erneut ins Exil zu schicken. Genau das wollte ich nicht mehr, und deshalb machte ich mich auf den Weg in mein Dorf und zum Grab meines Vaters. Seinen Tod hat die türkische Justiz zu verantworten. Heute, nach drei Wochen ist die Wut weg. Mit dieser Reise steht fest: Ins politische oder seelische Exil lasse ich mich nicht mehr schicken.

In neues Buch „Fasil“ handelt von Folter. Sie selbst wurden zweimal gefoltert. Ist es eine autobiografische Geschichte?

Akhanli: „Fasil“ hat acht Bedeutungen im Musik- und Theaterbereich. Mit meinem Buch erhält das Wort die neunte Bedeutung: „Folter“. Ich habe versucht zu verstehen, warum ich gefoltert worden bin. Warum war ich ein Opfer? Aber ich wusste auch, dass ich als aktiver Untergrundkämpfer in einer Militärdiktatur das Risiko der Folter einging, wenn ich blieb. Ich konnte fliehen, blieb aber. Ich bereue diesen Schritt nicht, sondern bin eher stolz auf meinen Widerstand. Wenn Sie mich aber jetzt, da ich erneut Opfer der türkischen Justiz geworden bin, fragen: Was hat sie mehr traumatisiert: die Folter damals oder die aktuelle Inhaftierung?, dann würde ich sagen: der aktuelle Fall.

Warum?

Akhanli: Weil ich unschuldig inhaftiert war, wie ein Mörder behandelt wurde. Dahinter steckt ein altes Denkmuster der türkischen Justiz: Aha, der ist ein alter Linker; der ist als Flüchtling und Menschenrechtler zurückgekehrt und hat seine Kritik nicht zurückgenommen. Meine Forderung war ja tatsächlich: Das Land muss sich erinnern und die akzeptieren, Unrecht getan zu haben. Seit 100 Jahren schon beschützt die Türkei nicht ihre Bürger. Sie haben die Griechen vertrieben, die Kurden massakriert und die Armenier vernichtet. Es waren ja keine Fremde, sondern Bürger des Landes.

Günter Wallraff: Unschuldiger als er kann einfach keiner sein. Es ist ein so eklatanter Fall von Willkür in der türkischen Justiz, dass ich mich auch dann für ihn eingesetzt hätte, wenn ich ihn nicht gekannt hätte. Natürlich habe ich meine Bekanntheit hier genutzt, um Druck auszuüben. Dass sie an ihm ein Exempel statuiert haben, verdeutlicht: Es ging nicht um seine Person, sondern um seine Schriften, Aktionen, Tabuverletzungen. Die hatten aber nicht damit gerechnet, dass es diese Öffentlichkeit gibt - sonst hätten sie einen anderen ausgesucht.

Wie in der Psychologie gibt es in dem neuen Buch den Perspektivwechsel zwischen Opfer und Täter. Ist es ein Versuch der Vergangenheitsbewältigung?

Akhanli: Ja, dabei ist es für einen Schriftsteller sehr gefährlich, über die eigenen Foltererlebnisse zu schreiben. Die Gefahr, immer nur das Opfer zu bleiben, ist groß. Ich schrieb das Buch deshalb, um darzutun: Ich bin auch Zeitzeuge der Geschehnisse. So habe ich zwei Monologe geschrieben: für den Gefolterten und den Folterer. Ich habe beiden eine Stimme gegeben und versucht herauszufinden, wie sie mit dieser Gewalt weiterleben können. Interessant war dabei, dass ich für den Folterer ganz leicht eine Stimme finden konnte, nicht aber für die Gefolterten. Somit es ist der Versuch, den Opfern eine Stimme zu geben, denn der Folterer kann alles viel besser rechtfertigen.

Wallraff: Ich sehe da eine Verbindung zu dem Folterverhör, dem ich einmal in Griechenland unterzogen wurde. Hier war es auch so, dass der Folterer seine Arbeit einfach zwischendurch machte. Es war für ihn Routine, Zehennägel auszureißen und mit Stangen auf den Kopf zu schlagen. Während er sein Handwerk machte, telefonierte er mit seiner Frau und seinem Kind. Ein ganz freundlicher, harmloser Mensch, wahrscheinlich genauso kultiviert wie der Mann im „Fasil“. Denn um diese Doppelexistenz geht es auch in Dogans Buch. Es sind Ideologien, die uns die Identifikation mit dem jeweils Schwächeren austreiben.

Sie sagten, Sie sind durch die Inhaftierung ein Stück deutscher geworden. Was bedeutet das?

Akhanli: Nun, Deutschland ist mein Lebensort, mit Deutschland habe ich eine unkomplizierte Liebesbeziehung. Und die unglaubliche Solidarität während der Haftzeit war ein wichtiger Halt für mich. Zur Türkei unterhalte ich eine leidenschaftliche Hassliebe.

Wie wollen Sie erreichen, dass die türkische Gesellschaft sich ihrer Vergangenheit stellt?

Akhanli: Man muss hier ganz unten beginnen. Mit meinen ganzen Erfahrungen aus der deutschen Erinnerungsarbeit könnte man zum Beispiel mit Stolpersteinen anfangen. Istanbul ist ein Ort von Hauptverbrechen. Hier haben die Jungtürken an der Istanbuler Universität die Vertreibung der Armenier beschlossen. Eine Spurensuche und die Auseinandersetzung über Stolpersteine wäre ein Anfang.

Kehren sie beide zurück als zwei Kölner, die sich aktiv gegen das Vergessen einsetzen?

Wallraff: Man tut, was man nicht lassen kann, und genießt auch zwischendurch das Leben. Manchmal habe ich den Eindruck, ich suche solche Situationen, weil ich dem Leben einen Sinn geben kann (lacht). Aber das Große an dieser Geschichte ist, dass durch Dogans Quasi-Freisprechung andere nicht mehr flüchten müssen.

Akhanli: Ich möchte, dass man auch in der Türkei lernt, sich zu erinnern und zu trauern. Deutschland hat dies vorgelebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Sarrazin so viele Gewinne aus der Geschichte einfach wieder umwerfen kann. Und genau diese Erfahrung, die ich meine deutsche Erfahrung nenne, will ich zu einem Teil der Türkei machen. Es ist für mich zu einer Lebensaufgabe geworden.

Das Gespräch führte Semiran Kaya

Hintergrund: Person und Prozess