Mauern
Angelika Storm-Rusche
Schon in der Antike gab es so etwas wie imaginäre Mauern, also das, was wir Deutschen seit dem Mauerfall von 1989 die „Mauer in den Köpfen“ nennen. Allerdings traf dieser weitgehend mit dem Wort „Grenze“ synonyme Begriff einst eher rätselhafte Bereiche, nämlich vom unvorstellbar fernen Ende der Welt. Um aber die Territorien, welche die Menschen tatsächlich kannten und sichern wollten, vor Eindringlingen oder Übergriffen zu schützen, zogen sie Grenzen; oder sie bauten Mauern.
Mit diesem uralten und noch immer aktuellen Phänomen befasst sich das von Astrid Nunn herausgegebene Buch „Mauern als Grenzen“. In elf monografischen Kapiteln haben ihre Koautoren die berühmten Mauern der Geschichte und der Gegenwart in ihrer vielschichtigen, insbesondere politischen Bedeutung untersucht. Kunsthistorische Aspekte des Mauerbaus sind ausgeklammert; ebenso werden Stadtmauern nicht berücksichtigt.
Dass Mauern Trennungen manifestieren, hat keine einzige Mauer deutlicher gezeigt als die deutsch-deutsche. Sie nämlich erschwerte nicht nur die Einreise in die DDR, sondern verhinderte vor allem die Ausreise ihrer Bürger. Auch anderenorts – etwa zwischen Israel und Palestina – sprechen Mauern bzw. Grenzen die Sprache der Unversöhnlichkeit.
Von der historischen Relevanz des Themas kündet in unserem Lande der „Limes“. Nachdem die Römer in postaugusteischer Zeit den Plan der Eroberung Germaniens aufgegeben hatten, begannen sie um 100 n. Chr., ein Grenzsystem an Rhein und Donau zwischen Remagen/Koblenz und Regensburg zu errichten. Dieser 550 Kilometer lange Limes (zu deutsch Grenzweg) sollte die von Rom eroberten Provinzen „Germania superior“ im Westen und „Raetia“ im Osten militärisch und kulturell – die Germanen galten als „Barbaren“ – sichern.
Bis etwa 260 n. Chr. waren tausende Soldaten in 50 Kastellen stationiert. 900 Wachtürme dienten der Beobachtung des Grenzgebietes. Sowohl die Grenzlinie selbst wie auch die festen Bauten waren über die Zeiten Veränderungen unterworfen. Anfängliche einfache Postenwege wurden durch Palisaden, schließlich sogar durch Steinmauern verstärkt. Hölzerne Türme und Kastelle wichen festen Steinbauten. Nach antiker Überlieferung geht die Befestigung teilweise auf Kaiser Hadrian (117 bis 138 n. Chr.) zurück: „Zu jenen Zeiten wie auch sonst öfter trennte er an vielen Orten, an denen die Barbaren nicht durch Flüsse, sondern durch limites geschieden wurden, durch große Pfähle …“
Dieser im übrigen sehr kunstsinnige Kaiser war es auch, der in Nordengland den „Hadrianswall“ (Hadrian’s wall, also eigentlich Hadriansmauer) zum Schutz der Provinz „Britannia“ im Sinne des Wortes mauern ließ. Zur Demonstration ihrer Macht, doch auch zur Bewahrung ihres kulturellen Einflussbereiches zogen die kaiserzeitlichen Römer weitere Grenzen – etwa den „Limes Arabicus“ – bis an die äußersten Ränder ihres Reiches im Osten und Westen, so dass der „Limes Romanus“ schließlich 7000 Kilometer maß.
Der den Monografien vorangestellten Tabelle „Grenzmauern durch die Geschichte im Überblick“ lässt sich ablesen, dass diese imponierende Länge nur noch von der Großen Chinesischen Mauer überboten wurde. Diese Mauer der Superlative erreichte in der Zeit ihrer größten Ausdehnung 12000 Kilometer Länge; auch ihre Höhe von bis zu sechzehn Metern blieb unerreicht. Sie überdauerte von 700 v. Chr. bis etwa 1600 n. Chr., also 2300 Jahre.
Das ungewöhnliche, doch keineswegs elitäre Mauerthema ist mit diesem klugen, vielfach bebilderten und mit Karten versehenen Buch keineswegs erschöpft. Historische Forschungen und archäologische Grabungen, letztlich sogar die aktuellen Mauer- oder Grenzziehungen werden es fortschreiben.
„Mauern als Grenzen“, hrsg. von Astrid Nunn, Verlag Philipp von Zabern, Mainz